22. Juni 2026

Die Kraft dieser Bewegung: Wie Pferdegestützte Therapie wirklich wirkt.

Weitläufige Reitanlage mit mehreren Stallgebäuden, begrünten Außenflächen und umzäunten Pferdegehegen, in denen einige Pferde stehen, unter blauem Himmel.

Im Inklusiven Pferdesport- und Reittherapiezentrum Berlin-Karlshorst spürt man sofort, dass hier etwas Besonderes passiert: Pferde helfen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, Ängste zu überwinden und Vertrauen zu fassen – zu sich selbst und zu anderen. Gleichzeitig zeigen Studien der Deutschen Sporthochschule Köln, dass Hippotherapie weit mehr ist als ein gutes Gefühl im Sattel: Sie kann messbar Mobilität, Gleichgewicht und Teilhabe verbessern.

Die Atmosphäre in der Reithalle in Berlin-Karlshorst wechselt zwischen Konzentration und Emotion. Die ruhigen Momente der Schrittbewegung und -übertragung des Pferdes in der Hippotherapie wechseln sich ab mit fröhlich lauten Kindern, die im heilpädagogischen Schulangebot auf dem Pferd geführt werden. Und Erwachsene, die im Hier und Jetzt die Therapie erleben und die wohltuende Wirkung der Pferde mitnehmen. 

Genauso vielfältig wie die Pferde sind auch die Menschen, die von der Pferdgestützten Therapie profitieren. Dabei reicht die Spannweite von Kindern mit frühkindlicher Hirnschädigung über Jugendliche mit neuromuskulären Erkrankungen bis zu Erwachsenen mit Multipler Sklerose, Autismus oder einer geistigen Beeinträchtigung. Viele von ihnen haben schon zahlreiche Therapien ausprobiert – häufig begleitet von Konzentrationsschwierigkeiten und mangelnder Motivation.

Person sitzt mit Reithelm auf einem hellen Pferd und wird von einer weiteren Person über einen befestigten Weg neben einem Stallgebäude geführt.
Die Kinder profitieren vom heilpädagogischen Schulangebot auf dem Pferd.

Auf dem Pferd ist das anders. „Die Bewegungen sind spielerisch, die Motivation kommt von ganz allein. Man ist gemeinsam mit einem anderen Lebewesen aktiv und spürt es direkt“, sagt Christina Krämer, Bereichsleiterin Therapeutisches Reiten beim Inklusiven Pferdesport- und Reittherapiezentrum. Dass es den Pferden in ihrem Job gut geht, dafür ist gesorgt: Sie bekommen ausreichend Freizeitausgleich in der Herde und Ausgleichsarbeit. Grundlage hierfür sind die Leitlinien für den Tierschutz im Pferdesport und in der Pferdehaltung und die Durchführungsbestimmungen des DKThR e.V.

Eine Person führt ein braunes Pferd am Halfter und beugt sich zu ihm; im Hintergrund ist eine Holzstallwand zu sehen.
Die Motivation kommt von ganz allein“, sagt Christina Krämer, Bereichsleiterin Therapeutisches Reiten.

Loki ist ein Beispiel dafür, dass es den Tieren gut geht: „Er kommt von allein an den Zaun, sobald er seinen Patienten im Rollstuhl sieht – sogar ohne Möhre“, erzählt Christina Krämer, „und er lässt sich vom Rollstuhl aus führen, egal wie betroffen der Klient ist.“ 

Ein Pferd steht frontal im Vordergrund eines Stalls und blickt in die Kamera; im Hintergrund sind eine Stallwand und ein Zaun zu sehen.
Der Isländer Loki kommt auch ohne Möhre zum Zaun, sobald er seine Patient*innen sieht.

In der Hippotherapie, der Physiotherapie mit dem Pferd, übertragen die Pferde etwa 100 dreidimensionale Bewegungsimpulse im Schritt auf den menschlichen Körper – Bewegungen, die dem Muster des menschlichen Gangs ähnlich sind. Sowohl das zentrale als auch das periphere Nervensystem werden angesprochen, und die Rumpf- und Beckenmuskulatur gleichen die Bewegungen aus, um die Balance zu wahren.

Damit Krankenkassen Hippotherapie bezahlen, braucht es Studien. So wie jene der Deutschen Sporthochschule Köln: Forscher*innen haben Menschen mit Multipler Sklerose monatelang begleitet. Mit Tests der Weltgesundheitsorganisation (WHO) maßen sie Mobilität, Gleichgewicht, Müdigkeit und Alltagsbeteiligung. Das Ergebnis: Hippotherapie kann Bewegung und Teilhabe verbessern.

Auf dieser Arbeit baut die aktuelle Folgestudie MS Hippo II auf, die seit 2024 und bis Juni 2026 läuft. Unter der Leitung der SpoHo und in Kooperation mit dem Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport wird hier untersucht, wie nachhaltig diese Effekte sind und welche Faktoren den Therapieerfolg besonders beeinflussen. (Die Studie wird von der Willi Drache Stiftung, der Gold-Kraemer-Stiftung, dem Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten und der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft finanziert.)

Porträt einer Person mit schulterlangen hellen Haaren, die vor hellem Hintergrund steht, die Arme verschränkt und in die Kamera blickt.
Dr. Isabel Stolz forscht am Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft der Sporthochschule Köln zur Messbarkeit von Hippotherapie.
Reitanlage mit Holzstallgebäude, modernem Verwaltungsgebäude und umzäuntem Sandreitplatz bei sonnigem, blauem Himmel.
Der große Auslauf vor der modernen Stallanlage des RBO.

Isabel Stolz, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaft der Spoho, forscht zur besseren Messbarkeit von Hippotherapie. Gemeinsam mit dem Forschungsinstitut für Inklusion durch Bewegung und Sport (FIBS) und vielen Fachkräften aus der Therapeutischen Praxis hat sie die EQUITEDO-App entwickelt, deren Abkürzung für Equi-Therapie-Dokumentation steht. Reit-Therapeut*innen erfassen damit den Fortschritt ihrer Klient*innen. Und Reittherapiezentren wie in Karlshorst können ihre Erfolge gegenüber externen Kostenträger*innen, Ärzt*innen und Förderpartner*innen besser nachweisen und überzeugender für eine Finanzierung werben.

„Wir haben zuvor bei Therapeut*innen seitenweise handgeschriebene Zettel über Therapieergebnisse gesehen, die sich nicht systematisieren oder strukturiert kommunizieren ließen“, sagt Isabel Stolz. „Das war insofern schade, als dass großartige Therapieeffekte erreicht wurden, nur waren sie nicht für Dritte nachvollziehbar. EQUITEDO kann hier in der Kommunikation innerhalb des Gesundheitswesens oder auch in der Kommunikation mit KlientInnen eine Brücke bilden.“ Auch in Karlshorst ist die App bekannt. „Wir sind regelmäßig in Kontakt mit Isabel Stolz“, sagt Christina Krämer vom Inklusiven Pferdesport- und Reittherapiezentrum. 

Was hier geschieht, macht spürbar, welche positive Wirkung Pferde auf Menschen haben können. Hier, „wo jeder Hufschlag eine Geschichte von Hoffnung, Widerstandskraft und Freude erzählt“. So steht es nicht nur auf der Website. Das zeigt sich in Berlin-Karlshorst auch im täglichen Miteinander von Mensch und Tier. Ein Miteinander, das Selbstvertrauen stärkt, Begegnungen auf Augenhöhe schafft und Menschen erfahren lässt, wie viel Kraft in einem einzigen Schritt – oder Hufschlag – liegt. 


Übrigens: Wir von der Futurestories Foundation fördern die heilpädagogische Arbeit des RBO mit einer Schulklasse, aber auch die Hippotherapie für einen Jungen mit einer Schädigung des zentralen Nervensystems.

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